Schönverwallkopf, Mitterspitze und Vollandspitze – drei einsame Gipfel im Verwall

02.07.2015VerwallBergsteigen

Einsame, anspruchsvolle Gratüberschreitung im Verwall über Schönverwallkopf und Mitterspitze zur Vollandspitze. Brüchige Kletterstellen bis III, Steinböcke am Grat und ein steiler Abstieg durch ein steiles Schneefeld der Vollandspitze Nordwestflanke.

18Kilometer
1.800Höhenmeter
T6Wandern
IIIKlettern (UIAA)
11 hZeitbedarf
3Gipfel
Gipfel:Vollandspitze2.928 mMitterspitze2.870 mSchönverwallkopf2.742 m

St. Anton – Schönverwalltal - Bruckmannweg – Fernerscharte – Schönverwallkopf (2.742 m) – Fernerscharte – Mitterspitze (2.870 m) – Mitterscharte – Vollandspitze (2.928 m) – Nordwestflanke – Bruckmannweg – Rosanna – Heilbronner Hütte

Bergfrühling im Verwall

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Eigentlich waren nur zwei Gipfel geplant: der Schönverwallkopf und die Mitterspitze. Die Vollandspitze gleich noch anzuhängen, schien mir dagegen eher unwahrscheinlich. Ihr Nordgrat ist im Alpenvereinsführer mit III− bewertet, und ob ich dort ohne Seil weiterkommen würde, konnte ich vorher schlecht einschätzen. Aber manchmal sieht eine Route aus der Entfernung eben schwieriger aus, als sie sich später tatsächlich erweist. Diesmal hielt das Verwall eine ausgesprochen erfreuliche Überraschung bereit.

Was als Tour zu zwei ziemlich einsamen Gipfeln begann, wurde schließlich eine Überschreitung über drei Gipfel – mit kniffliger Wegfindung, ordentlich brüchigem Fels, einer Begegnung mit Steinböcken und einer kleinen Suchaktion, die ich mir gerne erspart hätte.

Aufgezeichnete Tourenroute

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Von St. Anton zur Fernerscharte

Um neun Uhr breche ich in St. Anton auf. Der lange Talweg kostet zunächst einiges an Zeit; ein Fahrrad wäre hier eindeutig die bessere Wahl gewesen. Erst gegen Mittag erreiche ich den Bruckmannweg. Ihm folge ich bis zu einem Bach auf etwa 2.320 Metern, wo ich den markierten Weg verlasse.

Von hier geht es entlang zahlreicher kleiner Wasserläufe aufwärts zur Fernerscharte, die zwischen Schönverwallkopf und Mitterspitze liegt. Die Gegend ist herrlich abgelegen, aber mit der Scharte ist der eigentliche spannende Teil des Tages erst erreicht.

Schönverwallkopf – ein Umweg um den abweisenden Grat

Der Grat, den der Schönverwallkopf zur Scharte hinüberschickt, sieht nicht gerade einladend aus. Zum Glück muss ich ihn nicht direkt angehen. Auf der Nordseite lässt er sich umgehen, und die noch vorhandenen Schneefelder erleichtern mir den Weg zu einer kleinen Einschartung knapp unterhalb des Gipfels.

Dort wäre ein direkter Anstieg auf den Grat offenbar die bessere Lösung gewesen. Ich halte mich zunächst zu weit rechts und gerate prompt an eine Kletterstelle im III. Grad. Der eigentliche Durchstieg zum Grat bleibt dagegen bei etwa II. Von der Einschartung bis zum Gipfel benötige ich nicht einmal zwanzig Minuten. Viel Zeit zum Ausruhen bleibt trotzdem nicht, schließlich warten noch zwei weitere Gipfel.

Zur Mitterspitze – die vermeintlich leichte Verbindung

Zurück in der Fernerscharte steht die Mitterspitze auf dem Programm. Laut Alpenvereinsführer soll der Verbindungsgrat zum Nordgrat nur Schwierigkeiten im I. Grad bieten. Vor Ort sehe ich allerdings eine Reihe von Türmchen und steilen, plattigen Passagen, denen ich nicht so recht traue.

Also folge ich lieber einigen Gamsspuren in die Nordflanke. Ob das die klügere Entscheidung ist, darf bezweifelt werden. Etwa auf halber Strecke entdecke ich einen Riss, der durch eine Platte nach oben zieht, und versuche, darüber wieder zum Grat zu gelangen. Die Kletterei funktioniert zwar, ist aber im III. Grad ziemlich brüchig und entsprechend unangenehm. Hier hätte ich mir eine bessere Linie gewünscht.

Oberhalb dieser Passage wird das Gelände wieder leichter. Ich erreiche den Nordgrat und folge ihm bis zum Gipfel der Mitterspitze. Von der Fernerscharte bis hierher sind rund fünfzig Minuten vergangen. Nun liegt auch der Nordgrat der Vollandspitze gut sichtbar vor mir – und erstaunlicherweise wirkt er aus dieser Perspektive durchaus machbar.

Vollandspitze – zwischen Felsplatten und Steinböcken

Zunächst steige ich in die Mitterscharte ab, die ich nach weiteren vierzig Minuten erreiche. Der Alpenvereinsführer beschreibt den folgenden Grat recht ausführlich: aus der Scharte zunächst wenige Meter rechts hinauf, dann nach links in die Platten.

Hier steckt bereits die Schlüsselstelle. Die mit III− bewertete Passage führt über ungefähr 45 Grad geneigtes Felsgelände. Bei den vorgefundenen Verhältnissen komme ich ohne Seil gut durch, wobei das natürlich nichts an der Ernsthaftigkeit der Kletterei ändert.

Kurz darauf bekomme ich Besuch – beziehungsweise eher eine Verwarnung. Von oben ertönen mehrere Pfiffe, und ein junger Steinbock betrachtet mich ausgesprochen missbilligend. Offenbar bin ich in seinem Revier nicht unbedingt willkommen. Um den Tieren auszuweichen, halte ich mich schräg rechts und entdecke dabei eine vergleichsweise leichte Linie, meist etwa im II. Grad. Zu weit nach rechts sollte man allerdings nicht geraten: Das gelblich-braune Gestein dort wirkt wenig vertrauenerweckend und ist brüchig.

Meine Aufmerksamkeit gilt mehr den Steinböcken als einer später nachvollziehbaren Routenbeschreibung. Welche Griffe und Absätze ich genau benutzt habe, könnte ich deshalb nicht mehr zuverlässig sagen. Nach ungefähr dreißig Minuten stehe ich jedenfalls auf dem Gipfel der Vollandspitze. Die Rundsicht ist großartig – und der unerwartete dritte Gipfel des Tages geschafft.

Abstieg durch die Nordwestflanke

Für den Rückweg entscheide ich mich für die im Alpenvereinsführer beschriebene Variante durch die Westwand. Vom Gipfel steige ich zunächst etwa zwanzig Meter am Nordgrat zurück und quere dann ungefähr dreißig Meter in die Westflanke hinunter.

Dort wartet allerdings noch ein steiles Schneefeld auf mich. Bei einer Neigung von knapp fünfzig Grad ist das ohne Pickel keine besonders angenehme Angelegenheit. Nach rund fünfzehn Minuten ist die heikle Passage überstanden. Anschließend kann ich vergleichsweise bequem in Richtung Aufstiegskar und Bruckmannweg absteigen.

Eine kleine Geocaching-Einlage und die Rosanna

Da ich mein Übernachtungsgepäck nicht mit auf die Gipfel schleppen wollte, hatte ich es morgens im Schönverwallkar versteckt. Das war eine ziemlich blöde Idee, denn in dieser einsamen Gegend kam sicher den ganzen Tag niemand vorbei. Aber ich dachte, dass ich es dank gesetztem GPS-Wegpunkt später problemlos wiederfinden würde.

So viel zur Theorie. Der Wegpunkt ist offenbar nicht besonders präzise, und ich suche volle zwanzig Minuten nach meinen Sachen. Am Ende liegen sie rund sechzehn Meter neben der gespeicherten Position. Sechzehn Meter können zwischen lauter Steinen erstaunlich viel sein. Beim nächsten Mal baue ich lieber gleich einen ordentlichen Steinmann dazu - oder lasse es mit dem Verstecken einfach bleiben. Puh!

Mein Tagesziel ist die Heilbronner Hütte. Um vom Bruckmannweg aus Strecke zu sparen, will ich die Rosanna direkt überqueren. Die Schneeschmelze hat dem Fluss allerdings reichlich Wasser beschert. Schließlich finde ich eine breitere Stelle, an der die Strömung etwa dreißig Zentimeter tief, aber durchaus kräftig ist. Die Schuhe wandern auf den Rucksack, und ich wage die Querung.

Gegen zwanzig Uhr erreiche ich schließlich zufrieden die Heilbronner Hütte. Elf Stunden nach dem Aufbruch liegen drei einsame Gipfel, einige aufregende Kletterstellen und deutlich mehr Abenteuer hinter mir als ursprünglich geplant. Gerade solche Tage zeigen, warum mich das Verwall immer wieder begeistert.