Route: Huben – Pollestal (E-Bike) – Weißmaurachjoch (2.923 m) – Mainzer Höhenweg – Puitkogel (3.345 m) – Silbertal – Pollestal – Huben
Aufstieg zum Weißmaurachjoch - verfolgt von ein paar Schafen...
Familienurlaub in Huben. Eigentlich sind die Tage auf dem Campingplatz für gemeinsame Unternehmungen reserviert, aber für eine größere Bergtour bekomme ich frei. Mein Ziel steht nach der Lektüre eines Berichts über die Puitkogel-Überschreitung schnell fest: technisch interessant, konditionell fordernd und mit einer ausgesprochen abwechslungsreichen Route durch die Ötztaler Alpen. Genau das Richtige für einen freien Tag.
Ganz klassisch zu Fuß will ich allerdings nicht starten. Der lange Forststraßenanstieg ins Pollestal verspricht wenig Abwechslung und würde wertvolle Zeit kosten. Also kommt das E-Bike zum Einsatz. Die gesparte Energie kann ich weiter oben in Blockgelände und Kletterei deutlich besser gebrauchen.
Aufgezeichnete Tourenroute
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Mit dem E-Bike ins Pollestal – und einer Schafherde im Schlepptau
Gegen 7 Uhr fahre ich in Huben los. Die Forststraße führt mich zügig ins Pollestal hinauf, und bereits etwa eine Stunde später stehe ich auf rund 2.250 Metern am Abzweig zum Weißmaurachjoch. Hier lasse ich das Rad zurück und gehe zu Fuß weiter.
Der Steig zum Joch wird offenbar nicht besonders häufig begangen. An manchen Stellen ist die Spur nur schwach erkennbar, doch die Landschaft wird mit jedem Höhenmeter eindrucksvoller. Gesellschaft bekomme ich trotzdem – und zwar ziemlich aufdringliche. Ein paar Schafe entdecken mich und beschließen, mich näher kennenzulernen. Sie sind erstaunlich flott unterwegs und lassen sich auch von meinem Weitergehen nicht abschütteln. Nachdem ich den Fehler mache, das Leitschaf zu streicheln, habe ich schließlich die ganze Herde am Hals. Erst an einem kleinen See geben meine hartnäckigen Begleiter auf.
Nun kann ich mich wieder dem eigentlichen Aufstieg widmen. Unterhalb des Weißmaurachjochs wird das Gelände deutlich steiler. Ketten und Drahtseile sichern den Schlussanstieg. Beim Blick auf eine parallel verlaufende Schuttrampe frage ich mich, ob sich der versicherte Abschnitt bei diesen Verhältnissen vielleicht auch umgehen ließe. Bei meiner Tour im August 2022 ist dort jedenfalls alles schneefrei. Ob die Sicherungen ursprünglich wegen länger liegender Firnfelder nötig waren, kann ich nur vermuten.
Über den Mainzer Höhenweg zu den Resten des Puitkogelferners
Gegen 10:30 Uhr erreiche ich das Weißmaurachjoch (2.923 m). Nach einer Pause mit Aussicht folge ich dem Mainzer Höhenweg. Schon kurz darauf geht es wieder steil und teilweise gesichert hinunter zum nördlichen Puitkogelferner.
Diese Stelle kenne ich noch von meiner Begehung des Mainzer Höhenwegs im Jahr 2003. Damals hatte ich einen reichlich überdimensionierten Rucksack dabei und mich hier entsprechend abgemüht. Heute geht es mit deutlich weniger Gepäck angenehmer. Dafür hat sich die Gletscherlandschaft verändert: Vom nördlichen Puitkogelferner sind nur noch kümmerliche Reste übrig.
Ein winziger Eisfleck liegt noch auf dem Weg. Ich könnte ihn wenige Meter tiefer problemlos umgehen. Stattdessen versuche ich die direkte Linie und eiere auf allen vieren darüber – nicht unbedingt die eleganteste Lösung. Steigeisen wären bei den Verhältnissen dieser Tour nicht nötig gewesen. Das sollte man allerdings keinesfalls auf andere Jahre oder spätere Verhältnisse übertragen.
Nach einem erneuten kurzen Anstieg erreiche ich den Abzweig zum Puitkogel. Von hier sehe ich auch den südlichen Puitkogelferner, der immerhin noch etwas größer wirkt. Für meine Überschreitung muss ich ihn aber gar nicht betreten. So kann ich an diesem Tag auf eine Gletscherbegehung verzichten.
Wegsuche im Blockwerk und die letzten Meter zum Gipfel
Jetzt beginnt der Teil, auf den ich mich am meisten gefreut habe. Vor mir liegt die eigentliche Puitkogel-Überschreitung. Zur Orientierung habe ich den GPS-Track eines anderen Bergsteigers dabei und schaue gelegentlich nach, ob ich noch ungefähr auf seiner Linie unterwegs bin. Oft ergibt sich die Richtung aber ohnehin aus dem Gelände.
Zunächst steige ich über grobes Blockwerk nach Nordwesten an. Unterhalb der steiler werdenden Wand des nördlichen Puitkogels bei Punkt 3.278 schwenke ich in einem Bogen nach Westen. Ein kleines Schneefeld unterhalb des Hauptgipfels gibt ein gut erkennbares Zwischenziel ab. Der Weg dorthin ist mühsam, aber ohne größere technische Probleme machbar.
Oberhalb des Schneefelds fehlen noch ungefähr 150 Höhenmeter. Hier kann ich endlich häufiger die Hände einsetzen. Einzelne Passagen erreichen den II. Schwierigkeitsgrad, bieten aber brauchbare Griffe und Tritte. Besonders ein kleiner Gratturm verlangt Aufmerksamkeit: Die etwas ausgesetzte Querung führt leicht absteigend über den Fels. Danach ist das Gröbste geschafft.
Gegen 13 Uhr stehe ich auf dem Puitkogel (3.345 m). Die Aussicht ist fantastisch. Ringsum stehen die mächtigen Berge des Geigenkamms und der Ötztaler Alpen, dazu der Blick zur Wildspitze und hinüber zur Watzespitze. Weil in unmittelbarer Nachbarschaft nur wenige Gipfel deutlich höher aufragen, fühlt sich die Rundumsicht besonders frei an. Für diese Pause habe ich mir die Zeit redlich verdient.
Südostseitig hinunter und durch das stille Silbertal
So gern ich noch länger oben bleiben würde: Bis zum Ausgangspunkt ist es weit. Ich steige über die Südostseite ab, immer dort entlang, wo sich das Gelände am besten auflöst. Aus der Ferne sieht die Flanke deutlich abweisender aus, als sie sich schließlich abklettern lässt. Konzentration braucht es trotzdem, und ich bin froh, als ich wieder den Mainzer Höhenweg erreiche.
Diesem folge ich ein kurzes Stück in Richtung Wassertalkogel, bevor ich ins Silbertal abbiege. Anfangs besteht das Gelände aus großen Blöcken und grauen Moränenresten. Statt mich durch das gröbste Geröll zu kämpfen, suche ich mir die besser begehbaren Moränenrücken und kann stellenweise sogar ein Stück auf losem Schutt abfahren.
Die Landschaft verändert sich mit jedem Höhenmeter. Oben erinnert das Silbertal eher an eine karge Marslandschaft, weiter unten tauchen zunehmend Wiesen auf. Nach den hartnäckigen Schafen vom Vormittag bin ich auf tierische Begegnungen vorbereitet. Die Kühe, die mich hier neugierig beobachten, lassen mich zum Glück unbehelligt weiterziehen.
Der Silberbach fällt im unteren Talteil steiler ab. Ich halte mich rechts davon, nehme noch einen kurzen Gegenanstieg in Kauf und erreiche über steile Grashänge wieder das Pollestal.
Ein langer Bergtag mit schönem Abschluss
Während der ganzen Überschreitung treffe ich nur einen einzigen anderen Bergsteiger. Auch er hatte den Puitkogel von der Rüsselsheimer Hütte aus ins Auge gefasst, sich den weiteren Weg dann aber nicht zugetraut. Für mich bleibt vor allem die ungewöhnliche Ruhe in Erinnerung – und der Wechsel zwischen versicherten Steigen, Blockgelände, leichter Kletterei und dem weiten Silbertal.
Gegen 17 Uhr komme ich zur Pollesalm. Dort wartet bereits meine Tochter, die mir fröhlich auf dem Trampolin entgegenspringt. Ein Feierabend-Radler gehört jetzt unbedingt dazu. Nach diesem langen, großartigen Bergtag könnte der Empfang kaum schöner sein.
Die Kombination aus E-Bike-Zustieg und Überschreitung hat sich für mich bestens bewährt: Insgesamt kommen rund 31 Kilometer zusammen, davon etwa 21 auf dem Rad. Ohne den langen Anmarsch auf der Forststraße bleibt genügend Zeit für die alpinen Abschnitte. Einfach ist die Tour trotzdem nicht. Weglose Passagen, ausgesetzte Stellen und Kletterei bis zum II. Grad verlangen Erfahrung und sichere Verhältnisse – und die Gletscher- und Firnsituation kann sich seit meiner Begehung deutlich verändert haben.
Die Tourdaten von 31 Kilometern, 2.250 Höhenmetern und 10 Stunden 30 Minuten beziehen sich auf die gesamte Tour. Die GPS-Aufzeichnung beginnt erst nach dem E-Bike-Anstieg aus Huben und enthält nicht die gesamte Radstrecke.
