Bieler Höhe – Roßtal – Roßtalscharte – Hennebergkopf (2.836 m) – Roßköpfe (2.801 m) – Bodmerspitze (2.851 m) – Westgrat – Bieler Höhe
Querung nördlich der Hennenspitze. Bereits sichtbar das Blockgeröllfeld.
Wer auf der Bieler Höhe unterwegs ist, denkt wohl kaum an unentdeckte Ziele. Die Silvretta-Hochalpenstraße, der Stausee und die bekannten Gipfel ringsum ziehen genug Besucher an. Umso erstaunlicher fand ich, wie wenig sich über die Bodmerspitze herausfinden ließ. Dabei steht sie gut sichtbar über der Gegend und ist mit 2.851 Metern sogar der höchste Gipfel des Kleinvermuntkamms.
Viel mehr als knappe Hinweise im Alpenvereinsführer hatte ich für die Tourenplanung nicht in der Hand. Die Beschreibungen gehen im Kern auf Walther Flaig zurück und sind entsprechend betagt. Das war einerseits reizvoll, andererseits blieb offen, was mich am Grat tatsächlich erwarten würde. Aus einem geplanten Gipfelbesuch wurde schließlich eine ausgedehnte Überschreitung über den Hennebergkopf und die Roßköpfe bis zur Bodmerspitze – mit einer überraschend brauchbaren Abstiegsvariante am Westgrat.
Aufgezeichnete Tourenroute
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Der umständliche Weg ins Roßtal
Gegen 7:30 Uhr starte ich an der Bieler Höhe. Um ins Roßtal zu gelangen, quere ich zunächst die Nordseite der Hennenspitze. Auf dem Papier wirkt das recht direkt. In der Praxis erwarten mich steile, mit Heidelbeeren bewachsene Geröllhänge und ein Blockfeld, in dem einzelne Brocken fast mannshoch sind. Von bequemem Vorankommen kann keine Rede sein.
Erst nach ungefähr zwei Stunden stehe ich im Roßtal. Hier wird es plötzlich still. Während sich im Tal der Verkehr über die Hochalpenstraße bewegt, bin ich in einer bemerkenswert einsamen Landschaft unterwegs. Der Weg dorthin hat allerdings schon mehr Zeit gekostet, als mir lieb ist.
Roßtalscharte und ein Abstecher zum Hennebergkopf
Laut Alpenvereinsführer soll die Annäherung an die Bodmerspitze über ihren Südgrat besonders lohnend sein. Also halte ich auf die Roßtalscharte (2.697 m) zu. Die letzten rund 150 Höhenmeter führen über eine etwa 35 Grad steile Schuttflanke. Als ich gegen Mittag die Scharte erreiche, ist immerhin der Ausgangspunkt für die Gratunternehmung geschafft.
Direkt südlich lockt noch der Hennebergkopf (2.836 m). So viel Zeit muss sein, denke ich – ohne zu ahnen, wie viel Aufmerksamkeit bereits dieser kurze Abstecher verlangt.
Der nördliche Gratturm lässt sich auf der Ostseite umgehen. Anschließend versperrt ein kleiner Abbruch den Weiterweg: kurz, aber etwas heikel im II. Grad abklettern, gegenüber wieder hinauf. Den nächsten Turm umgehe ich links; die Platten rechts sind keine gute Alternative. Ein ausgesetztes Band führt schließlich zu einer ansteigenden, treppenartigen Rinne, durch die ich auf die Südseite des nördlichen Hennebergkopfs gelange. Besonders beim Rückweg muss man genau hinsehen, um nicht auf das falsche Band zu geraten.
Nach rund 45 Minuten Wegsuche und leichter Kletterei stehe ich am mittleren Hennebergkopf. Von hier wirkt die eigentliche Bodmerspitze noch reichlich weit entfernt. Ich lasse einen kleinen Steinmann zurück und kehre in etwa einer halben Stunde zur Roßtalscharte zurück.
Eine Besonderheit gibt es übrigens bei den Gipfelnamen: Flaig bezeichnet die Erhebungen um Punkt 2.836 als Hennebergköpfe, während die Hennebergspitzen weiter südlich liegen. Die Benennung auf Karten ist nicht überall einheitlich.
Über die Roßköpfe zum Südgrat
Von der Scharte zieht eine breite, schuttige Rinne mit ungefähr 30 Grad Neigung zum Südlichen Roßkopf (2.801 m). Danach geht es mit wenig Höhenverlust zum Nördlichen Roßkopf weiter. Dieser Abschnitt ist im Vergleich zum bisherigen Gelände fast erholsam und dauert etwa eine halbe Stunde. Nun kann ich den Südgrat der Bodmerspitze endlich richtig einsehen. Davor stehen mehrere kleine Grattürme und ein deutlicher Vorgipfel. Von diesen Hindernissen hatte die knappe Führerbeschreibung wenig verraten.
Die ersten Türme lassen sich noch recht gut westlich umgehen. Am südlichen Vorgipfel muss ich mich entscheiden: queren der Flanke oder direkt darüber? Ich wähle die Überschreitung. Die anfangs steile Kletterei bewegt sich im soliden II. Grad und wird nach wenigen Metern leichter. Auf der anderen Seite folgt jedoch die unangenehmste Passage des Tages: etwa 45 Grad geneigte Platten, die vorsichtig abgeklettert werden müssen. In Abstiegsrichtung halte ich mich rechts, wo der angrenzende Fels gelegentlich etwas Halt bietet.
Fotos gibt es davon nicht. Ich war in dem Moment mit anderen Dingen beschäftigt. ;-)
Die Bodmerspitze ist noch nicht erreicht
Hinter dem Vorgipfel lande ich vermutlich in jener Südgratscharte, die der Alpenvereinsführer erwähnt. Von Westen mündet hier eine brüchige Rinne ein. Einladend sieht sie nicht aus, zumal sich oberhalb Gemsen und Steinböcke bewegen und immer wieder Steine lösen können. Ein Helm gehört in dieses Gelände unbedingt dazu.
Ich bleibe auf dem Grat. Noch einige kurze Kletterstellen im II. Grad, dann ist es geschafft: Ich stehe auf dem Hauptgipfel der Bodmerspitze (2.851 m). Der Blick reicht hinüber zum Fluchthorn und über die vergletscherten Gipfel der Silvretta. Nach dem langen Weg und der Sucherei am Grat genieße ich die Aussicht umso mehr.
Auf dem Hauptgipfel sind nur noch Reste eines alten Gipfelkreuzes vorhanden. Ein neueres Kreuz steht dagegen auf dem nordwestlichen Vorgipfel, den ich über einen recht angenehmen Grat erreiche. Im Gipfelbuch von 2022 gibt es erstaunlich wenige Einträge; für das Jahr 2023 bin ich erst der dritte Besucher. So nah an der viel befahrenen Hochalpenstraße hätte ich das nicht erwartet.
Rückweg über den Westgrat: die Überraschung des Tages
Inzwischen ist es 16 Uhr. Die Aussicht ist schön, aber bis zur Bieler Höhe liegt noch ein ordentlicher Rückweg vor mir. Über den Südgrat möchte ich ungern zurück: Dafür müsste ich die heiklen Kletterstellen erneut passieren. Auch die brüchige Rinne an der Südgratscharte überzeugt mich nicht.
Schon beim Aufstieg war mir der breite Westgrat unterhalb des nordwestlichen Vorgipfels aufgefallen. Der obere Bereich sieht mit maximal etwa 40 Grad Neigung vergleichsweise gutmütig aus. Eine gesicherte Beschreibung habe ich nicht – ich probiere es trotzdem.
Zunächst klappt der Abstieg erstaunlich gut. Nach ungefähr 120 Höhenmetern endet der Grat jedoch an einem Abbruch. Hier liegt die entscheidende Stelle: Nach Norden lässt sich eine steile Grasflanke auf einer leicht abfallenden Linie queren, ungefähr 50 Meter weit. Dahinter erreiche ich ein Schotterkar, das wieder ins Roßtal hinunterführt.
Das war die eigentliche Überraschung dieser Tour. Abgesehen von der ausgesetzten Grasquerung, die aber trotzdem nur T4+ als Schwierigkeit aufweist, empfand ich den Westgrat als interessante Möglichkeit, die Bodmerspitze mit weniger Kletterei zu erreichen.
Ein langer Tag zwischen Trubel und Einsamkeit
Für den Rückweg hatte ich ursprünglich noch eine andere Variante über eine Scharte südlich des Hennenkopfs ins Auge gefasst. Angesichts der Uhrzeit bleibe ich aber bei der bekannten Route durch das Roßtal und der mühsamen Querung nördlich der Hennenspitze. Erst gegen 19:30 Uhr erreiche ich wieder die Bieler Höhe – ziemlich genau zwölf Stunden nach dem Start.
Was bleibt, ist eine außergewöhnlich einsame Bergtour in einer Gegend, die sonst kaum für ihre Ruhe bekannt ist. Die Überschreitung über Hennebergkopf und Roßköpfe war abwechslungsreicher und anspruchsvoller als erwartet, und der Abstieg über den Westgrat hat dem Tag noch eine unerwartete Wendung gegeben.
Wer die Tour wiederholen möchte, könnte für den Zustieg ins Roßtal auch die Roßböden aus dem Kleinvermunt prüfen. Auf älteren Karten und Luftbildern ist dort eine Wegspur zu erkennen. Diese Variante habe ich auf meiner Tour jedoch nicht ausprobiert; sie sollte nicht ungeprüft als leichter Zustieg eingeplant werden.
Nachtrag zur möglichen Alternative (2025)
In einem Kommentar zum ursprünglichen Bericht hat ein weiterer Bergsteiger im Oktober 2025 bestätigt, dass sich das Roßtal über die Roßböden aus dem Kleinvermunt erreichen lässt. Er berichtete von einem Hirtenpfad mit Steinmännern und einem Aufstieg über den Nordwestgrat zum nordwestlichen Vorgipfel. Auch den Westgrat nutzte er für den Abstieg, bewertete einzelne Schlüsselstellen dabei aber etwas anders als ich. Das ist eine interessante Ergänzung – und ein guter Hinweis darauf, dass die Schwierigkeiten je nach gewählter Linie und Verhältnissen unterschiedlich empfunden werden können.
Tourendaten (Stand der Begehung: 3. September 2023): 14 km · ca. 1.000 Höhenmeter Auf- und Abstieg · 12 Stunden · maximal T5+ / II (UIAA). Ausgangspunkt: Bieler Höhe. Die Route führt durch unmarkiertes, teils ausgesetztes und brüchiges alpines Gelände. Bedingungen und Wegverlauf können sich seit 2023 verändert haben; GPX-Daten ersetzen keine eigenständige Beurteilung vor Ort.
Video zur Tour
